Wenn das Volk kündigt

 

Ein Staatsakt. Der Bundeskanzler emp­fängt mal wieder irgendeinen König oder Präsidenten. Er beginnt seine Rede mit folgenden Worten: „Ich begrüße Sie herz­lich im Namen des deutschen Volkes außer Erwin Kaluppke."

 

Wie bitte? Nicht wenige Beobachter des Empfangs und natürlich auch der hohe Gast selbst werden sich fragen, wer denn dieser Herr Kaluppke ist und warum er keine schönen Grüße ausrichten lässt.

 

Erwin Kaluppke war es eines Tages leid, dass auf Flughäfen, Bahnhöfen etc. stän­dig jemand in seinem Namen willkommen geheißen wurde. Er hat deswegen dem Bundeskanzler eine Postkarte geschrie­ben, womit er sich darüber beschwerte. Er habe den Präsidenten von Portugal nicht eingeladen, ihm sei auch der Präsident von Neuseeland nebst Volk relativ egal und deswegen solle man ihn bitte bei der Begrüßung ausnehmen.

 

Zugegeben, das war eine erfundene Geschichte. Aber der Fall ist gar nicht so weit von dem entfernt, was vor kurzem eine Bürgerinitiative gefordert hat.

 

Nämlich den kollektiven Austritt aus dem deutschen Urteilsverkündungswesen. Dazu wurden Unterschriftslisten verteilt. Wer sich auf der Liste einträgt, der verbietet damit der Justiz bis auf weite­res, Urteile „im Namen des Volkes" zu sprechen. Der Richter soll dann jedes Mal dazu sagen, wer nicht dazugehört.

 

Das könnte in der Praxis so aussehen: Hiermit ergeht Urteil im Namen des Vol­kes außer Petra Volkert, Ursula Gruber, Eduard Meyer... Im Fortgang werden etwa 2000 weitere Namen von Frauen und Männern genannt, die noch mit der Justiz beleidigt sind. Die Urteilsverkün­dungen werden mehrere Tage in Anspruch nehmen. Richterinnen und Richter wer­den so heiser sein, dass sie kaum noch ein Wort herausbringen.

 

Und schließlich wird es einfacher sein, nur diejenigen zu erwähnen, die überhaupt noch mit dem Staat einverstanden sind. Gerichtsurteile werden dann ausschließ­lich im Namen des Richters, seiner Familie und seiner engsten Freunde gesprochen.

H.B.

 

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